Marathon-Geschichte

Wie der Marathonlauf entstand, und weshalb ein Marathon genau 42.195 Kilometer misst

Historisches

Das historische Ereignis, auf welchem der Marathonlauf gr√ľndet, liegt rund zweieinhalb Jahrtausende zur√ľck: Im September 490 v.Chr. stand auf der K√ľstenebene bei Marathon westlich von Athen ein zahlenm√§ssig deutlich √ľberlegenes Heer der Perser den Streitkr√§ften Athens gegen√ľber. Dank ihrer bedeutend besseren Kriegsausr√ľstung gingen die Athener dennoch als Sieger aus dieser Schlacht hervor. Damit hat es sich bereits mit den historischen Fakten rund um das Dorf Marathon.


Schlacht von Marathon

Plutarchs Erzählungen

Aufgrund dieser Faktenarmut √ľber den glorreichen Sieg der Athener schm√ľckte um das Jahr 70 n.Chr. der griechische Historiker Plutarch die geschichtlichen Fakten mit einer Anekdote aus. Historiker waren zu jener Zeit n√§mlich nicht nur Geschichts- sondern auch Geschichtenerz√§hler. Plutarch selbst war L√§ufer, und bereitete sich eifrig auf die antiken olympischen Spiele vor. Da war es naheliegend, dass er eine Geschichte mit einem Ausdauersportler als Helden erfand, um die historischen Fakten zu untermalen:

Ein Bote namens Pheidippides sei zun√§chst von Athen aus die insgesamt fast 500 Kilometer nach Sparta und zur√ľck gelaufen, um dort um Unterst√ľtzung f√ľr die Schlacht in Marathon gegen die Perser zu bitten. Zur√ľck in Athen lief er gleich weiter zum knapp 40 Kilometer entfernten Schlachtort Marathon, um den Athenern mitzuteilen, dass Unterst√ľtzung durch die Spartaner erst nach dem n√§chsten Vollmond zu erwarten sei. Vorher w√§ren sich die Spartaner der Gunst der G√∂tter nicht sicher. Als er jedoch in Marathon ankam, war die Schlacht bereits zu Ende. Zwar war die Schlacht gewonnen, doch hatten sich einige der besiegten Perser Richtung Athen aufgemacht, in der Hoffnung, die schutzlose Stadt doch noch einnehmen zu k√∂nnen. Dem bemitleidenswerten Pheidippides blieb deshalb keine Zeit, sich in Marathon auszuruhen, sondern er musste sich sofort wieder auf die Socken machen: F√ľr ihn hiess es, vor den Persern in Athen anzukommen, um die B√ľrger zu warnen und gleichzeitig den Sieg der Athener zu verk√ľnden. Endlich in Athen angekommen, habe Pheidippides v√∂llig ausser Atem nur noch hauchen k√∂nnen: Nike, Nike! (Sieg, Sieg), bevor er tot zusammengebrochen sei. So weit Plutarchs Erz√§hlungen rund um die Schlacht bei Marathon.


Plutarch
Pheidippides

Erste Olympische Spiele der Neuzeit

Jahrhunderte sp√§ter, bei einer Sitzung des olympischen Kongresses 1894, wurde √ľber die Austragung der ersten olympischen Spiele der Neuzeit diskutiert. Der Franzose Michel Br√©al erinnerte sich an Plutarchs Geschichte, und machte zwei Vorschl√§ge: Einerseits sprach er von einem Spartathlon, einem knapp 250¬†Kilometer langen Lauf von Lauf von Athen nach Sparta. Diese Idee wurde f√ľr die olympischen Spiele verworfen, und schliesslich erst 1983 umgesetzt. Seither findet der Spartathlon j√§hrlich statt. Der zweite Vorschlag Br√©als bestand darin, einen Lauf von Marathon nach Athen ins Programm aufzunehmen. Zwei Jahre sp√§ter war es dann soweit. Am 10.¬†April¬†1896 um 13.56¬†Uhr startete im √Ėrtchen Marathon der erste offizielle Marathonlauf in der Geschichte des Sports. Der griechische Schafhirte Spiridon Louis erreichte nach 2:58:50 Stunden als erster der 17 mutigen Teilnehmer den Zielstrich im Panathenischen Stadion in Athen. Die Strecke des ersten Marathons der Geschichte betrug allerdings nicht die heute √ľblichen 42,195¬†Kilometer, sondern etwa 38¬†Kilometer.

Spiridon Louis

Erstmals 42.195 Kilometer

Im Jahre 1900, bei den Spielen in Paris, lief man dann 40.2 Kilometer. Um eine Vereinheitlichung der Streckenl√§nge k√ľmmerte man sich nicht, die Distanz variierte je nach den √∂rtlichen Gegebenheiten. Das war auch im Jahre 1908 noch so, als der Marathonlauf auf dem Platz direkt unterhalb der Terrasse des Palastes von Windsor gestartet wurde, und der Zieleinlauf unter der k√∂niglichen Loge im Wembley Stadion stattfand. Dieser Kurs mass – rein zuf√§llig – 26 Meilen und 385 Yards, was 42.195 Kilometern entspricht. [Einige Quellen sprechen auch davon, dass eine Prinzessin auf dem Start unmittelbar unterhalb ihres Palastfensters und dem Zieleinlauf unter ihrer Loge bestanden habe, und sie deshalb f√ľr die „krumme“ Distanz verantwortlich sei. In den als akribisch genau bekannten historischen Aufzeichnungen des K√∂nigshauses ist dazu jedoch nichts vermerkt.]


1908: Dorado Pietri brach kurz vor dem Ziel zusammen

Fixierung der Streckenlänge 1921

Damit war diese Streckenl√§nge jedoch noch immer nicht als Marathondistanz fixiert. Weiterhin galten alle Strassenl√§ufe, welche rund 40 Kilometer massen, als Marathon. Erst 1921 wurde vom Internationalen Leichtathletikverband die heutige Marathondistanz endg√ľltig festgelegt, und seit den olympischen Spielen von Paris 1924 wird auch der olympische Marathonlauf √ľber diese Entfernung ausgetragen.


Albin Stenroos, Sieger des Olympia-Marathons 1924

Kurioses aus den Anfangszeiten des olympischen Marathonlaufs

Erste/r Marathonläufer/in war eine Frau

Stamatha Revithi aus Pir√§us war die erste Person √ľberhaupt, die einen Marathonlauf absolvierte: F√ľr die verarmte 30-J√§hrige war der Marathonlauf die einzige M√∂glichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen, und eine Arbeit zu finden. Von den Offiziellen der olympischen Spiele 1896 wurde sie jedoch nicht zum Start zugelassen. So machte sie sich am 30. M√§rz 1896 – zehn Tag vor dem olympischen Marathonlauf – alleine auf den Weg von Marathon nach Athen. Nach f√ľnfeinhalb Stunden traf sie beim Olympiastadion in Athen ein. Der Zutritt vom Stadion blieb ihr jedoch verwehrt.

Es dauerte 88 Jahre, bis die Frauen schliesslich 1984 erstmals offiziell zu einem olympischen Marathon zugelassen wurden.

Bei den M√§nnern erreichten zehn Tage nach Revithis Solo-Lauf nur sieben der 17 gestarteten L√§ufer das Ziel. Die restlichen gaben auf, oder wurden disqualifiziert (einer von ihnen hatte einen Teil der Strecke per Kutsche zur√ľckgelegt).

Skandal 1904

Gemogelt wurde auch 1904: Der US-Amerikaner Fred Lorz lief zwar als erster ins Stadion ein, war jedoch unterwegs zweimal von Begleitfahrzeugen mitgenommen worden. F√ľr olympischen Spiele wurde er daraufhin lebenslang gesperrt. Dies wurde auch nicht r√ľckg√§ngig gemacht, nachdem er 1905 den Boston Marathon auf ehrliche Weise gewonnen hatte.

Drama 1908

Auch 1908 war der Erste nicht der Sieger: Der Italiener Dorando Pietri hatte zwar als erster das Stadion erreicht, brach dort jedoch f√ľnfmal zusammen; das letzte Mal kurz vor der Ziellinie. Zwei Funktion√§re halfen ihm schliesslich √ľber die Ziellinie, was nach Protesten des zweitplatzierten US-Amerikaners John Hayes mit seiner Disqualifikation geahndet wurde.

Hitzelauf 1912

Der olympische Marathon von Stockholm ging als Hitze-Marathon in die Geschichte ein. Nach 15 Kilometern hatte bereits die H√§lfte der gestarteten L√§ufer aufgegeben. Andere ignorierten die Warnsignale des K√∂rpers, und bezahlten dies teilweise gar mit dem Tod. Der Japaner Shizo war da etwas vorsichtiger. Er liess sich bei Streckenh√§lfte von einem Anwohner zum Essen und Trinken einladen, und verbrachte den Rest des Tages bei dessen Familie. Er sch√§mte sich so sehr √ľber seine Aufgabe, dass er niemanden dar√ľber informierte. √úber 50 Jahre lang galt er als verschollen, bis er schliesslich 1967 von einem schwedischen Journalisten ausfindig gemacht werden konnte. Der Journalist lud Shizo nach Stockholm ein, wo dieser schliesslich knapp 55 Jahre nach der ersten H√§lfte auch noch die zweite H√§lfte des Marathonlaufs absolvierte. Mit einer Endzeit von 54 Jahren, 8 Monaten, 6 Tagen, 0 Stunden, 32 Minuten und 20 Sekunden ging der Japaner als mittlerweile 76-J√§hriger als wohl langsamster Marathonl√§ufer aller Zeiten in die Geschichte ein.

¬© Roger Kaufmann & Neujahrsmarathon Z√ľrich 2005
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